21.10.2681

Planet der Krüppel

 

- Wie in der Vergangenheit ein ferner Krieg die Zukunft einer Welt vernichtet -

von IS-Außenweltkorrespondent Zorin Lofton  

Wenn Toki Anagashi (27) die Lytiliasträucher stutzt, dann merkt sie schnell, dass sie nicht mehr so flink ist wir noch vor 5 Jahren. "Der Arti-Arm funktioniert zwar einwandfrei, aber die Hersteller können halt ja auch nicht wissen, wie man Lytilia schnitzt," sagt sie und lacht. Die Servomotoren ihres künstlichen rechten Arms können die komplizierte Drehung zwar durchführen, aber nicht in dem Tempo, wie andere Gärtner im "Agrobitat Nord 2" von Okawe-Stadt (an der Ostküste des Hauptkontinents von Yishima II gelegen) es tun. Doch Toki lässt sich dadurch nicht entmutigen. "Die brauchen mich hier." Sie arbeitet am nächsten Strauch und fügt tonlos hinzu: "Es ist ja sonst kaum noch einer da, der das könnte."

Es geschah 2676 im Duron-System

Als im Januar 76 ein damals noch nicht sehr bekannter Sternenbund-Flottenadmiral Mao Xariyaki im Orbit von Yishima II Raumstreitkräfte massierte, benötigte er unzählige zusätzliche Besatzungsmitglieder. Da die Zeit drängte und viele loxonische Kampfschiffe wegen eines überstürzten Abfluges zum Flottensammelpunkt nur von Rumpfmanschaften geführt wurden, mussten alle regulären Truppen und Reservisten des Planeten eingezogen werden. Viele Kolonisten wurden auch mit einer hohen Prämie angeworben und nach einer Kurzausbildung an Bord der Schiffe mit weniger kritische Aufgaben betraut. Yishima II verlor binnen 6 Wochen rund 80.000 Bewohner und damit über die Hälfte der planetaren Bevölkerung. Um die Wirtschaft zu stützen, stellte die loxonische Regierung große Summen bereit und es wurden Versorgungstransporte eingerichtet, alles bis zum Abschluss der Operation Xariyakis gegen die Konföderation. Dieser kam im August 76 mit der Niederlage des Sternenbundes im Duron-System (siehe hierzu auch Imperial Standard Nr 1). Nur 10.000 Yishimaner kehrten auf ihre Heimatwelt zurück.

Die verlorenen Generationen

"Keiner hier hat bis dahin je den Namen Duron gehört. Ist ja auch 250 Lichtjahre weit weg, glaub ich," erzählt Ken Onodera. Der 86jährige sitzt auf einer Bank und liest ein Folienmagazin, während er die knapp ein dutzend Kinder im Auge behält, die in den Skeletten einiger verlassener Wohnhäuser in der Nagobe-Straße von Neu-Fushun spielen. Wenn man ihn nach seinen leiblichen Schützlingen fragt, deutet er auf zwei Mädchen: "Kim und Li, beide meine...ihre Großmutter war meine Tochter" Die anderen neun hat er adoptiert, so wie viele Yishimaner aus seiner Generation. "Viele wurden ja zu Zieheltern auf anderen Welten gebracht. Nicht nur im Sternenbund." Er beißt von einem Reisriegel ab, der aus einem staatlichen Care-Paket stammt, und wird trotzig. "Wir wollen nicht, dass man die Kinder dieser Kolonie wegschafft. Sie sollen doch all das mal erben." Mit einer Handbewegung umschließt er die leerstehenden Häüser mit teilweise immernoch in der Auffahrt stehenden Autowracks, die verwitterte Straße und den verwilderten Stadtpark.

Ein langes Sterben

Sofort nach der Rückkehr der Überlebenden in ihre Heimat wurden unterschiedliche Hilfsprogramme initiiert, um den hohen Blutzoll der Kolonie zu kompensieren. Aber die Tatsache, dass die astrographische Lage von Yishima II absolut unvorteilhaft ist, fanden sich nur wenige, die bereit waren, weit ab vom Schuss zu siedeln. Andererseits verschlechterte sich die Lebensqualität auf dem traumatisierten Planeten drastisch. Die meisten hatten mehrere Familienmitglieder, gute Freunde oder gar die ganze Familie verloren. Unternehmen mussten wegen Arbeitskärftemangel schließen. Viele packten ihre Koffer und verließen die Kolonie für immer, z.B. um bei ihrer Verwandtschaft irgendwo im Sternenbund ein neues Leben anzufangen. Von den ehemals 150.000 Kolonisten leben heute noch 40.000 auf der Welt, Kinder, Alte und heimgekehrte Invaliden.

Verarmte Helden

Wu Dikase (54) taucht sein Gesicht ins Wasser. Er wäscht sich jeden Brunnen am Sun-Zi-Brunnen, gleich neben der "Säule der Erhabenen", wie das große Monument, auf dessen Sockel eine überlebensgroße Statue Xariyakis gen Himmel schaut, in der Hauptstadt Kuntao heißt. Wie jeden morgen spuckt er an die Säule. Was andernorts im Sternenbund gar zu einer Verhaftung führen kann, beachtet hier keiner der Passanten. Es klimpert, als er eine ganze Batterie Orden an seine Brust heftet. "Wenn ich die trage, kriege ich nach der Essenszeit meist noch irgendwo was von dem, was so übrig bleibt." Die Auszeichnungen erhielt er für seine außergewöhnliche Tapferkeit bei der Rettung eines Offiziers und eines Raumtransporters. "Zufall," sagt er nur schulterzuckend, wenn man ihn darauf anspricht. Wie andere Heimkehrer redet er nicht über das, was er im Duron-System erlebt hat. Und wie andere Heimkehrer hat die kleine Prämie für seinen Einsatz kaum lange gereicht, seine Arti-Beine auf Dauer zu warten oder sein Lebenskosten zu decken. Irgendwann letztes Jahr hat er beide Beine gegen zwei Kisten Blauscotch eingetauscht, nachdem sie wieder einmal ausgefallen waren und kein Geld mehr zur Reparatur übrig war. "Das beste Geschäft meines Lebens," sagt er, zahnlos grinsend, winkt und kriecht davon.

Wenn Ken Onodera seine Adoptivkinder an die Hand nimmt, um sie am Abend nach Hause zu nehmen, träumt er sich eine Zukunft für sie auf Yishima II und weiß es doch besser. Der Planet der Krüppel kann sie ihnen nicht mehr bieten.